kunstfilmtag auf facebook
12_HEINZ_BILD3.jpg 12-LOGO-finSCHWARZ.png kft minion.png fb-zeichen.jpg
Sa 10. November 2012
<<< zurück
Desargues | Paris 1648 * Monika Lilleike | Berlin 2008 * Die Linie | Bewegung in Raum und Zeit Jutta Franzen Die Natur kennt keine Linie (1), die Line [linea.lat.] ist ein Konstrukt: Wir denken und ziehen Linien, um Verbindungen zwischen Dingen, Bewegung, Zeit und Raum sichtbar zu machen, die als solche nicht sichtbar sind. Die Linie bildet nicht ab, sondern bildet, stellt etwas her, das ohne sie nicht gesehen wird. Sie kann in diesem Sinn als transnatural“ bezeichnet werden. So war die Linie ein wichtiges Hilfsmittel für die Sichtweise der Zentralperspektive, die keineswegs natürlich ist, sondern erst seit der Renaissance den Blick bestimmt. Zuvor hatte die christliche, metaphysische Weltsicht und ihre symbolische Ordnung dem Menschen das Auge ausgestochen“ (Hegel), und erst in der mathematisch fundierten Zentralperspektive fand der Blick ein visuelles Ordnungsprinzip, um die Welt sinnlich von der Stelle eines Betrachtersubjektes wahrzunehmen. Die Dinge im Raum wurden durch ein Gitter aus senkrechten und waagerechten Linien betrachtet und auf einen Fluchtpunkt hin zentriert, der dem Bild räumliche Tiefe verlieh. Oder: Jede Linie ist eine Weltachse“, wie Novalis es beschrieb.(6) Die gedachten Linien, die den Raum wie Strahlen durchzogen, wurden gern mit gespannten Fäden veranschaulicht. Eine Bildtafel des französischen Mathematikers Desargues zeigt, wie man Fäden am darzustellenden Ding befestigt, zwischen die Finger klemmt, zu Linien strafft und vor dem Auge zum Punkt zusammen laufen lässt, um den Vorgang des perspektivischen Sehens zu unterstützen. Bemerkenswert ist, dass der Teil der Fäden, der über den Zugriff der Hand hinausgeht, sich kräuselt. Jenseits des Konstrukts gibt es keine Linien, sondern zufällig fallende, sich windende Fäden. Das scheint auch ein Experiment zu bestätigen, das gleichwohl vorgab, das Gegenteil zu belegen: Marcel Duchamp beschrieb im Stil einer Versuchsanordnung, wie ein Faden von 1 Meter Länge fallen zu lassen sei, um beim Auftreffen auf dem Boden eine Linie zu formen, wie er sie als drei Stoppages“, jeweils auf einer Glasplatte nunmehr fixiert habe. Es ist aber in wiederholten Versuchen nicht gelungen, dass ein Faden, der nach Duchamps Anweisung fallen gelassen wurde, sich auch nur annähernd als eine Linie formte wie in den Stoppages“ fest gehalten. Es liegt daher die Vermutung nahe, dass auch hier eine Manipulation, ein Zugriff der Hand erfolgte. Tatsächlich zeigt diegenaue Betrachtung von Duchamps Arbeit, dass der Faden zwischen zwei, ein Meter voneinander entfernten Löchern durch die Platte durchgeführt wurde und auf diese Weise als Linie gezogen wurde und keineswegs natürlich, zufällig im freien Fall entstanden ist. Linie ist Bewegung, oder genauer, die Linie vollzieht sich in der Bewegung. Eine klare Linie verfolgen, eine Linie ziehen, eine Linie markieren, aber auch die Verkehrslinie, die Zug- oder Buslinie - in diesen Bedeutungen ist impliziert, dass die Linie eine performative Strategie ist, um Raum und Zeit auf ein Ziel hin zu durchschreiten. Die Linie stellt dabei die Verbindung her, die sie bezeichnet, indem die Bewegung oder Geste, die die Linie ausführt, diese in den Raum (hin)-einträgt und sich in ihr fixiert. Die Linie entsteht aus der Kraft und der Richtung, die die Handbewegung mit Stift oder Pinsel auf einen Punkt ausübt. Das kann geradlinig bzw. in einer sequentiellen Zeitabfolge linear“ geschehen oder auch in einer Kreislinie oder Kurve erfolgen. Dabei richtet die Linie den Blick auf eine Anordnung hin, nicht auf das Sehen eines Abbilds. Die Bewegung der Linie geschieht mit einer bestimmten Intention und einer Ausrichtung, die in der Regel nach vorn, auf eine Entwicklung hin verweist. Anders als unter dem Strich“, was eher einen Schluss(strich) markiert, ein einzelnes und endliches, abgeschlossenes Ereignis. Die Linie hat das Potential von Unendlichkeit, einer Bewegung, in der jedes Ende zugleich einen erneuten Anfang markieren kann. Die Linie gibt Orientierung vor und schafft Ordnung. In allererste Linie“ z.B. setzt eindeutige Prioritäten für das Handeln; die Linie trennt Bereiche voneinander, etwa innen und außen, privat und öffentlich. Indem die Linie das eine verbindet, schließt sie das andere aus. Das kann die auf den Asphalt mit weißer Farbe aufgetragene Linie sein, die eine Wegbegrenzung markiert, aber auch die Parteilinie, die als Idee das Denken und Handeln eingrenzt oder die Richtlinie, die wir bei unseren Entscheidungen zu beachten haben. Unter der Überschrift The lines a German wont cross“ schildert ein USAmerikaner seine Beobachtung, dass eine schmuddlige rote Linie im Umkleideraum der Badeanstalt offensichtlich den Bereich kennzeichnet, der nicht mit Schuhen betreten werden darf. Denn die Personen bleiben, wie von einer unsichtbaren Macht fest gehalten, stehen und ziehen erst die Schuhe aus, bevor sie weiterlaufen. Es gibt keine Überwachung oder Strafinstanz; die Linie ist in ihrer ordnenden Funktion vielmehr kulturell codiert und durch alltägliche Praxis eingeübt und verinnerlicht. Im anderen sozialen Kontext wäre die rote Linie auf dem Boden bestenfalls ein Vorschlag oder schlicht ein Witz, den keiner beachtet. So wie die Linie ein Hilfsmittel ist, das Zufall und Natur zu überschreiten und verborgene Zusammenhänge sichtbar zu machen vermag, so ist die Linie auch ein künstlerisches Ausdrucksmittel. In Abwandlung von Plinius spricht Steffen Siegel von Nulla ars sine linea“, um die vielfältigen, teils kontroversen Erwartungen an die Linie als kunsthistorischem Leitbegriff zu umreißen. Mit der Linienführung kann in einer Zeichnung eine Idee, ein inneres Bild nach außen, zum Ausdruck gebracht oder ein äußeres Motiv durch gedankliche Abstraktion auf seine Konturen reduziert werden. Das zeigen bereits die ältesten bekannten Zeichnungen aus der Zeit von ca. 20.000 v. Chr., in denen die Linie sowohl magische Symbole ausdrückt als auch alltägliches Geschehen, wie z.B. die Jagd darstellt. In beiden Fällen leistet die Linie die gedankliche Umsetzung visueller Informationen, die eingebunden ist in den kulturellen Kontext. Die Linie bildet ein intellektuelles Verfahren, das in jeder Form des innovativen Denkens und Gestaltens anzutreffen ist.(14) Concetto“, die innere Idee und disegno“, die äußere Form treffen in der Linie zusammen, die so zum einen als il padre“, die Grundlage für jede weitere künstlerische Gestaltung in Architektur, Bildhauerei und Malerei gilt, zum anderen sich zum eigenständigen Ausdrucksmittel entwickelt. Die Linie war Gegenstand der künstlerischen Erkundung, die KEMacts (Kaaren Beckhof, Elvira Hufschmid, Monika Lilleike).in der simultanen Performance LuftLinie~SteinKante///“ unternommen haben. Der Text bildet ein gleichsam nachträgliches Element zur Aktion, indem Besonderheiten der Linie gleichfalls erkundet, reflektiert und auf einzelne Momente der Performance bezogen werden. Der gesamte Text / mit Fußnoten auf kunsttext.werk http://xlurl.de/3L77jI und auf Jutta Franzens Webseite: http://www.digitaldiva.de/labor/labor01.html * Abbildungen: Alle Rechte bei den Kunstler/-innen und Fotografen Die Abbildung von Desargues, Paris 1648 ist der Online-Version des Textes von Didier Semin entnommen. http://trivium.revues.org/index243.html [2009-07-25]
linie_gekreuselt01.jpg desargues.jpg
Annäherungen/Approaches Franzen