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Sa 10. November 2012
Es zeichnet sich ab Markus Mußinghoff Im Katalog der Papyrussammlung des Ostberliner Bodemuseums stieß ich vor zwei Jahren auf die Abbildung einer Weihegabe, die dem Gott Thot, Schutzherr der Schreiber, dargebracht wurde. Durch ihn, so glaubten die Ägypter, gelange man zur Schreibkundigkeit, Wissen und Geistesschärfe. Daher hatte er noch weitere Aufgaben: Er war einer der Jenseitsführer. Er wog das leben des Verstorbenen ab und somit ist seine Gestalt oft mit der Waage dargestellt worden. Nach seinem Namen war ein Monat benannt, der nach unserer Zeitrechnung am 29. August begann. Thot ist gleichzeitig eng mit den Mondzyklen verbunden. Eine Geschichte besagt, dass er das zerstückelte Auge des Horus aufsammelte und wieder zusammensetzte. Sinnbildlich für diese Fähigkeit erschien den Ägyptern das Ab- und Zunehmen des Mondes, sowie seine vollkommene runde Gestalt. In diesem Zusammenhang betrachtete man Thot auch immer als heilenden Gott. Er galt als Erfinder der Schrift und als derjenige, der die Welt durch das Wort erschuf. Von ihm sagte man: Zunge und Herz, er drückt aus, was existiert, was im Herzen erdacht wurde und aus der Zunge hervorging. Er ist der Einzige über den Beiden Ländern, der die Lebenden führt. Man nennt ihn den Lebendigen. Sein Werk ist, das Leben zu erschaffen, oder auch“ er ist die Kehle desjenigen, dessen Namen verborgen ist.“ Seine Gestalt ist die des Ibis oder die des Pavians. Auf diesem Bild nun hocken beide sich frontal gegenüber der Pavian und er Schreiber Tjaj. Sie schauen sich nicht an. Eine intensive Ruhe und Konzentration strahlt von ihnen aus. Sie nehmen sich gegenseitig wahr, sie wissen voneinander, ohne sich zu sehen. Auf dem Stückchen Holz schein4en sie den nötigen Abstand zu wahren. Jede Gestalt für sich, existierte nicht diese Ausstrahlung, wären lediglich zwei Figuren auf einem Sockel. Doch so beginnen sie zu wirken, sich wechselhaft wesentlich zu bedingen. Der leere“ Raum zwischen Ihnen ist ein Spannungsfeld zwischen zwei Polen. Als jemand der dies wahrnimmt, bin ich auch Betroffener. Etwas teilt sich mit, eine Vorstellung entsteht, eine Ahnung baut sich auf, etwas gerät in Bewegung und erscheint als eine andere Möglichkeit. Ich sehe darin ein Bild, ein Zeichen für den Vorgang des Schreibens oder Zeichnens selbst. Etwas löst sich herüber aus dem Kopf, geleitet sich über Arm, Hand und Auge auf ein Blatt Papier und bildet ein Zeichen. Und schwingt von dort, einer Schaukelbewegung ähnlich, wieder zurück. So sehe ich auch beide Figuren, verbunden durch das Holzstück, im ständigen Wechsel. Es gibt ein paar Bilder, die meiner Auffassung von einem Bild“ sehr nahe kommen. Mit Bild“ meine ich eine bestimmte Sichtweise: Sie ist nicht dogmatisch, eher eine Annäherung. Interessant wird etwas, wenn es fragwürdig erscheint, wenn Fragen entstehen, wenn eine Ahnung über das Wesen der Dinge sich abzeichnet. Denn: Es zeichnet sich was ab. Es braucht nicht viel. Oft ist es eine bestimmte Konstellation. Nicht erklärbar. Vielleicht ist aber auch schon der Betrachter, der immer dazu tritt, der nie außerhalb steht, die fehlende“ Zweite oder dritte Bedingung für das Bild. Ackerfurchen, die diagonal das Bild durchschneiden, ein sich rechts, wie ein Dreieck, abzeichnender Weg, eine Traktorspur, die Weg und Ackerfurchen kreuzt und ein Hund, der dicht am Rand laufend der Wegrichtung folgt. Diese unscheinbare Stelle, die einen Hund darstellt, befindet sich in diesem Richtungs- und Flächengefüge in der ober4en Hälfte desw Bildes. Er wird es auch bald wieder verlassen haben Ohne Horizont, ohne wesentliche Tiefenwirkung, ist alles flach gehalten. Die Wirkung des Bildes für mich kehrt sich jedoch um. In dieser Ausschnitthaftigkeit, die das Bild aus einem anderen Kontext, aus einem anderen Bild herauslöste, steckt etwas von Weite, Verlorensein und Ziellosigkeit. Ähnlich die Lautsprecherkästen in Hamburg. Ihre Anordnung auf dem Platz abzubilden, ist zwecklos, das kann jeder nur für sich ergehen. Doch der einzelne Kasten als Ausschnitt genommen wirkt befremdlich und ortlos. Die plötzliche Enge und Bündelung der Lautsprecher innerhalb des vergitterten, ihr quasi in Schutzhaft genommenes Dasein, steht in einem gänzlich undefinierbaren Zusammenhang zu irgendwas. Wenn man die Mittelachse des Kastens berücksichtigt, ist die rechte Hälfte das Spiegelbild er Linken und umgekehrt. Sein innerer Aufbau ist bestimmt, nicht willkürlich, nach allen vier Himmelsrichtungen ausgerichtet. Über solche Lautsprecher könnte man gut etwas herausrufen oder eine Geschichte erzählen, zum Beispiel Büchner`s Lenz“. Ein Engelpaar steht dem Betrachter den Rücken zugekehrt. Sie schauen auf eine Stadt hinunter. Unterhalb der Isaak Kathedrale in Leningrad wirken sie sehr mächtig, herrschaftlich, repräsentativ Inbegriff göttlicher Sendboten. So aber, stehen sie abgestützt, fest verankert und verschraubt aus Angst, sie könnten sich davon machen, dass sie vielleicht davon flögen, und sei es auch nur, um endlich einmal paar Runden über der Newa zu fliegen und dicht über das Wasser zu schweben. Oder aber aus Furcht, sie könnten sich in die Tiefe stürzen. Markus Mußinghoff >>>>>>> Seite 2 Fotos: Schreiber vor Thot / Christa Begall aus dem Katalog der ständigen Ausstellung der Papyrus-Sammlung der Staatlichen Museen zu Berkin im Bodemuseum, 1986, 2. Auflage Hund /Stephan Kemperdick Lautsprecherkasten /(Hamburg, Landungsbrücken), Engel / (Leningrad, Isaak Kathedrale), Atelier Vinckeufer, Duisburg- Ruhrort / Markus Mußinghoff Text zu der Ausstellung BLATTWERK / Zeichnungen von Markus Mußinghoff 6.1. 20.1.1991
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Annäherungen/Approaches Mußinghoff