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Sa 10. November 2012
Phasmes - Überlegungen zu einem Essay von Georges Didi-Huberman
Im Falle der Mimese wird eine andere Identität vorgetäuscht
(Bild: Filmstill Schülke/Klepsch)
Die Essaysammlung Phasmes“ (2001) des französischen Kunsthistorikers, Literaten und Bildtheoretikers
Georges Didi-Huberman versammelt Essays über Erscheinungen von Insekten, Traumerzählungen,
Filmbildern, mystischen Texten, Skulpturen, Fotografien, Alltäglichkeiten, Bildausschnitten und
Tintenflecken. Diese ungleichartigen Erscheinungen sind einander nur in ihrem "blitzhaften
Zusammentreten" (Walter Benjamin) ähnlich. Didi-Huberman, ein Schüler Walter Benjamins, stellt in
seinen poststrukturalistischen Analysen Bezüge zur Literatur, Psychoanalyse und Philosophie her und
bezieht sich auf Leiris, Proust, Mallarmé, Freud und Bataille. Seine große Entdeckung ist seine Theorie
des unscharfen Blicks: Er stellt dem zuschreibenden, abmessenden und sezierend analytischen, das
Sichtbare vermessenden (Kunsthistoriker-) Blick einen mystischen entgegen, der das Unsichtbare
erfasst. Sein Denken ist mit der alten Weisheitstradition der philosophischen Gnosis verbunden und
spekuliert mit der Entdeckbarkeit eines größeren Zusammenhangs. Didi-Huberman gelingt es in seinen
Texten komplexe Gedanken über das Erkennen in poetische Bilder zu fassen. So erinnert er
beispielsweise eine Situation im Jardin des Plantes, einem Botanischen Garten in Paris und vergleicht
sie mit dem Prozess des Erkennens:
Didi-Huberman steht vor einem Vivarium, von dem er weiß, dass etwas darin ist. Er kann noch nichts
entdecken. Mit einem leichten Schaudern macht er eine Gestalt zwischen den Blättern aus: Ein
Wandelndes Blatt, eine Phasmide,
ein Tier, das ein Blatt nachahmt, es ist nahezu perfekt getarnt. Weiter gefesselt auf das Vivarium
schauend stellt er fest, dass dieses Tier das Blatt, auf dem es sitzt, frisst.
Didi-Hubermans Erlebnis im Jardin des Plantes verstehe ich als Beschreibung eines
Rezeptionsvorgangs. Er erzählt von seiner Schule der Wahrnehmung und Aufmerksamkeit: Berührbar
bleiben in der Bilderflut, lustvoll sehen und wahrnehmen, dem Zufall treu bleiben und Bilder und
Erzählungen produzieren, die kommunizieren und deren Reiz im Ungefähren liegt.
Viele Dokumentarfilme, die ich gesehen habe, versuchen, etwas tatsächlich Geschehenes zu zeigen
und mit Hilfe von nachweisbaren Aussagen oder Fakten zu beweisen, zu beglaubigen oder zu
rechtfertigen. Ein möglicher Effekt solcher Dokumentarfilme ist das Erleben von Wahrhaftigkeit. Das
widerspricht so ziemlich genau dem, was ich mit Didi-Huberman unter der zufallsbedingten Form des
Erkennens verstehe. Diese Form der Erkenntnis hat vielmehr mit Poesie zu tun. In ihr kann sich
Grundwahres ausdrücken. In dem Raum zwischen dem Bild, dem, was es zeigt, worauf es sich bezieht
und mir gibt es unendlich viele Abzweigungen und Kreuzungen. In diesem Zwischenraum entdecke ich
meine Haltung zum Bild und zur Zeit: Im poetischen Moment fließen Vergangenheit und Zukunft
zusammen und gerinnen in der Jetztzeit. Das ist nicht der Live-Moment der Fernsehshow Big-Brother
oder des ersten Bildes des brennenden World Trade Centers. Das ist ein Moment, in dem sich der ganze
Kulturkomplex abbilden kann und dieser muss nicht journalistisch oder wissenschaftlich exakt
nachprüfbar sein. Es kann in einer Fiktion alles enthalten sein in einer nacherzählten Erinnerung, einer
nachgestellten Fotografie oder einer mit dokumentarischen Mitteln spielenden Installation.
Der Schriftsteller Elias Canetti erinnert den Tod seines Vaters im Jahr 1912: Der vollkommen gesunde
Vater liest bei seinem letzten Frühstück auf der Titelseite des Manchester Guardian“, dass Montenegro
der Türkei den Krieg erklärt habe. Er weiß, dass damit der Italienisch-Türkische Krieg, der erste
Balkankrieg ausbrechen und vielen Menschen das Leben kosten wird. Diese Nachricht nimmt ihm das
Leben. Viele Jahre später schreibt Canettis Biograph Sven Hanuschek, dass sei eine plausible Erklärung,
große Teile der Familie Canetti hätten damals noch auf dem Balkan gelebt und eine solche Vorahnung
hätte ein politisch denkender Mensch durchaus haben können. Und tatsächlich habe am 9. Oktober 1912
der Manchester Guardian“ gemeldet: Montenegro declares war“. Canettis Vater aber sei einen Tag
zuvor am 8. Oktober verstorben. So erzählt mir Canettis Erinnerung mehr von seinem Verhältnis zum
geliebten Vater als von dessen Todesursache.
1934 lernt Gerda Pohorylle im Pariser Exil den ungarischen Fotografen André Friedmann kennen, sie
beginnen bald eine intensive Arbeits- und Liebesbeziehung. Beide wählen zum Schutz und um an besser
bezahlte Aufträge zu kommen andere Namen und so wird aus André Friedmann Robert Capa und aus
Gerta Pohorylle Gerda Taro. Sie reisen gemeinsam nach Spanien, wo sie den Spanischen Bürgerkrieg
fotografisch dokumentieren und schließlich die Erschießung eines kämpfenden Soldaten fotografieren
berühmt geworden unter dem Titel The Falling Soldier“. Seit Mitte der 1970er Jahre wurde immer wieder
vermutet, dass die Fotografie inszeniert worden sei. Mit dieser Diskussion entwickelte sie sich vom
Dokument zum Kunstwerk.
Der französische Künstler Christian Boltanski spielt mit dokumentarischen Effekten und sichert in seinen
Installationen Spuren des eigenen Lebens oder Spuren des Lebens der anderen. Gleich welche
großformatige, körnige Schwarz-Weiß-Fotografie er zwischen Keksdosen oder Regalen voller
Leinentücher installiert, Fotografien von Schweizern, Opfer von Raubüberfällen in Spanien oder Kindern
aus Duisburg, ich assoziiere den Holocaust oder die existentielle Bürde des Todes.
Vielleicht sind das die gut getarnten Fakten, die sich nicht regen und solange im Verborgenen verharren
bis ich sie mit einem Schauder von ihrer Umgebung ablösen und erkennen kann.
Anne Schülke
Die Autorin beschäftigt sich zur Zeit mit Theorie und Praxis der Autofiktion. In Zusammenarbeit mit dem
Musiker und Videokünstler Detlef Klepsch ist 2008 in Auseinandersetzung mit Didi-Hubermans Essay das
Video Phasmes“ (Link) entstanden.
Annäherungen/Approaches
Schülke/Klepsch